Patientenbeitrag

Für Selina Flemming war es hilfreich, Freunden von ihrer Erkrankung zu erzählen



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Ich denke, der erste Rat ist „sei mutig egoistisch zu sein“. Egoismus ist leider nach meinem Empfinden her ein bisschen negativ geprägt, weil das nicht so gesellschaftsfähig ist, das Wort Egoismus. Aber es gibt einen sogenannten gesunden Egoismus und wenn man den für sich sich einräumt und sagt „ich bin ehrlich mit mir“, dann ist das der erste Weg zur Genesung. Das ist denke ich die Quintessenz: Habe den Mut, dich um dich zu kümmern. Ja, das ist das Wichtigste. Und das ist aber auch gleichzeitig das Schwerste, weil das eben so schwer ist, wenn man in so einem sozialen Kontext eben wohnt.
Naja das Umfeld miteinzubeziehen, also sehr transparent zu sein nach Möglichkeit. Also vielleicht wenn man das Gefühl hat, man kann jetzt nicht mehr sitzen, zu sagen „also ich nehme mich jetzt einfach mal hier raus, hat jetzt nichts mit euch zu tun“. Also da könnte man jetzt denken, man muss sich ja eigentlich nicht rechtfertigen und erklären und schon gar nicht vor seinen Freunden oder seinem Partner. Aber es lässt den anderen trotzdem teilhaben an der Gedankenwelt, an der Gefühlswelt von einem. Also ich denke das Wichtigste ist schon auch, das Umfeld miteinzubeziehen. Also auch zu fragen: „Wie soll ich mich jetzt euch gegenüber verhalten? Mir würde es jetzt besser tun – früher habe ich es so und so gemacht, mir würde es jetzt aber besser tun oder besser gehen, wenn ich das und das jetzt so und so machen würde.“ Also diese Entwicklung, diese Veränderung, die man vielleicht an sich merkt, dass man den anderen das auch versucht eben mitzuteilen. Ich denke, das würde vielleicht dann auch dazu beitragen, dass man dann auch diese gesellschaftlichen Zwänge nicht so erlebt für sich, nicht so extrem. Und es fängt ja im kleinen Umfeld erstmal an – bei Partnern, wenn es den, gibt bei einer Freundin, bei der Mutter, beim Vater, wer auch immer einen so eben nahe steht. Weil häufig ist es ja auch so, wenn man eine Erkrankung hat, dass man eben sozial auch erstmal sich ein bisschen isoliert. Also bei mir war es so, ich musste mich erstmal ganz schön rausnehmen. Und da habe ich signalisiert, ich möchte jetzt erstmal für mich sein. Das hat sich dann gewandelt. Das ist was ganz Interessantes: Ich wollte dann natürlich irgendwann nicht mehr alleine sein, das habe ich aber auch nur zum Teil signalisiert. Ich habe mich dann gewundert, warum jetzt keiner mehr da ist so richtig. Oder die, mit denen ich mich sonst so umgeben habe, mit denen ich eben diese langen Kanutouren gemacht habe oder so – ja und jetzt habe ich erst, kam gerade aus dem Urlaub, und da habe ich das Gespräch nochmal gesucht mit zweien von denen, mit denen das früher eben so intensiv betrieben wurde. Da habe ich das gesagt: „Na weißt du, eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass ihr dann schon auch ein bisschen präsenter seid. Ich habe mich von euch ein kleines bisschen fallen gelassen gefühlt..“ Das war ein ganz schön aufregendes Gespräch. Aber die war ganz perplex, hat gesagt: „Warum hast du das denn nicht gesagt? Du hättest doch sagen können, ich will euch eine Stunde sehen und dann haut ihr bitte wieder ab.“ – Habe den Mut zu sagen, was du brauchst und was du nicht brauchst! Das ist so schwer manchmal, das traut man sich manchmal nicht. Ich habe es manchmal als egoistisch dann empfunden, obwohl es ja eigentlich was Gutes ist, weil es ja auch ehrlich ist. Und trotzdem fällt es mir manchmal schwer ehrlich zu sein. Da geht es jetzt nicht darum, ich habe jetzt das Eis gegessen oder nicht, sondern einfach mit sich. Ich brauche das jetzt für mich oder ich brauche das für mich.

Selina Flemming
Das Interview wurde am 01.03.2011 geführt.

Selina Flemming ist 35 Jahre alt. In einer Zeit erhöhten beruflichen Stresses erlitt sie mit 30 Jahren zwei Bandscheibenvorfälle. Sie entschied sich, ihre Erkrankung ganzheitlich anzugehen und nahm dabei sowohl physio- als auch psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch, wodurch sie mittlerweile kaum noch Schmerzen hat. Beruflich hat sich Selina Flemming neu orientiert und betreibt heute eine eigene Bewegungs- und Rückenschule.

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