Patientenbeitrag

Selina Flemming hat gelernt, Grenzen zu erkennen und zu setzen



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Bei mir war es eben so, dass ich vielleicht auch ein Typ bin, der sich zu wenig Entspannung auch gegeben hat. Das ist noch ein ganz wichtiges Thema eigentlich. Also in unserer Gesellschaft eben immer schneller, immer weiter, immer höher und diese Möglichkeit sich einfach auch mal zurückzunehmen, sich zu reduzieren, zu sagen „ich renne jetzt nicht mit dem Strom mit“. Auch wenn ich ja sehr gerne Sport mache, ich habe am Wochenende natürlich auch viel Sport gemacht und lebe in einer Partnerschaft, der auch Sport sehr gerne macht, und wenn man in so einer Gemeinschaft ist, dann wird man auch gerne mal mitgetrieben. Na das ist das, was ich mit dem Weg erzählt habe. Also der ist bestimmt schön und den bin ich auch bestimmt häufig gerne mitgegangen, aber eigentlich war es ganz oft so, dass ich dann das Gefühl hatte danach, wenn ich ganz ehrlich bin, es war eigentlich zu viel. Ich hätte nicht den ganzen Tag laufen müssen. Ich hätte nicht den ganzen Tag paddeln müssen. Aber die anderen haben es ja auch gemacht. Ich denke, das war für mich auch ein Teil der Genesung, dass ich erkannt habe, dass ich reduzieren kann. Ich muss es bloß machen. Ich muss nicht mitschwimmen. Ich muss nicht mitrennen. Ich muss nicht. „Ich muss nicht“, also das Wort ist eigentlich das Wichtigste. Ich muss eigentlich das gar nicht machen. Ich muss bloß für mich sehen – das ist das Wichtigste – tut es mir jetzt gut oder reicht es? Und dann eben auch den Mut zu haben im Kino aufzustehen, wenn ich nicht mehr sitzen kann. Im Café mit einer Freundin schön sitzen, okay, aber irgendwann auch den Mut zu haben, „du, jetzt reicht es“. Und ich denke, dass ich das vorher, bevor das mit dem Rücken so schlimm wurde, vielleicht ganz häufig nicht gemacht habe, dass ich nicht Grenzen erkannt habe und nicht gesetzt habe.
Wenn ich für mich merke, jetzt ist es zu viel: Dass ich natürlich mich nicht in Situationen quäle. Also wenn ich jetzt zum Beispiel merken würde in der Situation, in der ich jetzt hier so sitze, ich werde unruhig oder so, dann versuche ich natürlich, dann mal vielleicht das andere Bein rüberzulegen oder mich ganz anders hinzusetzen. Oder auch gar nicht mehr zu sitzen dann, zu sagen, „jetzt brauche ich eine Pause“ oder „ich will jetzt ein bisschen laufen“. Das tut mir gut, dass ich mich nicht durchquäle. Da sind wir eigentlich schon wieder bei diesem Thema Grenzen.

Selina Flemming
Das Interview wurde am 01.03.2011 geführt.

Selina Flemming ist 35 Jahre alt. In einer Zeit erhöhten beruflichen Stresses erlitt sie mit 30 Jahren zwei Bandscheibenvorfälle. Sie entschied sich, ihre Erkrankung ganzheitlich anzugehen und nahm dabei sowohl physio- als auch psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch, wodurch sie mittlerweile kaum noch Schmerzen hat. Beruflich hat sich Selina Flemming neu orientiert und betreibt heute eine eigene Bewegungs- und Rückenschule.

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